FZ, Die Fachzeitschrift für Uhren, Schmuck, Edelsteine, 05.10.2001
Schätze der Steinschneidekunst aus dem Grünen Gewölbe Dresden ans Licht gebracht
Sonderausstellung in Idar-Oberstein
Erstmalig seit knapp sechzig Jahren hat die Öffentlichkeit jetzt Gelegenheit, Schätze deutscher Steinschneidekunst aus der Zeit zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert im Deutschen Edelsteinmuseum in Idar-0berstein zu bewundern.
Es handelt sich sozusagen dabei um ein "Treffen von Material aus Sachsen und aus der Region Idar-Oberstein", wie es Leihgeber Dr. Dirk Syndram, Direktor der Staatlichen Kunstsammlung Grünes Gewölbe bei der Ausstellungseröffnung formulierte. Es ist dies die erste große Sonderausstellung der Dresdner Sammlung an einem anderen Ort, denn die einzelnen Stücke sind zu kostbar und auch zu fragil, um sie häufig zu transportieren. Sie reagieren sehr sensibel auf Transport und Klimaschwankungen.
Einzigartig ist die Zusammenstellung dieser insgesamt 74 Schau-Stücke und 12 mineralogischen Proben in einer derartigen Ausstellung. Hier werden nur Proben von der Kunst deutscher Steinschneider gezeigt. Denn bisher hatte man sich in der historischen Darstellung und wissenschaftlichen Aufarbeitung mehr um die in Prag und Mailand tätigen Künstler der damaligen Zeit gekümmert und sie auch schon in Teilausstellungen präsentiert.
Darum ist auch der zu dieser Ausstellung erschienene Katalog* so besonders interessant, gewinnt man doch durch seine Beiträge erstmalig einen guten Überblick über die deutsche Steinschneidekunst während der Renaissance, dem Manierismus und dem Barock. Wobei das "Deutsche" in der Steinschneidekunst schwer fassbar ist, da die internationalen Moden von Renaissance und Barock über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweggeführt hätten, darauf wird im Vorwort des Katalogs hingewiesen.
Dass die Autoren soviel Detailwissen präsentieren können, verdanken sie dem seit 1585 in Dresden bewundernswert sorgfältig geführten Archiv der Schatzkammer oder "Geheimen Verwahrung des Grünen Gewölbes", wie das im Jahr 1725 daraus hervorgegangene Schatzkammermuseum Grünes Gewölbe zuvor hieß. Trotzdem mussten sie sehr viel eigene intensive Forschungsarbeit leisten.
"Der Bereich der Steinschneidekunst, der sich der Herstellung von Edelsteingefäßen widmet, war in der Renaissance und im Barock eine ausgesprochen höfische Kunst. Die in mehr als drei Jahrhunderten von den Herrschern des reichen und politisch mächtigen Kurfürstentums zusammengetragene Sammlung an kostbaren Edelsteingefäßen gehört zu den seltenen Beispielen ihrer Art in Europa, die bis heute weitgehend unversehrt überdauert haben", gibt der Dresdner Museumsdirektor Dirk Syndram einen Überblick über das Thema der Ausstellung.
Am Anfang der Geschichte der Edelsteinschneidekunst, auch Glyptik gekannt, stand die Herstellung kleinformatiger Gemmen und Kameen. In der Renaissance erlebte diese Kunst bedingt durch das zunehmende wiedererwachte Interesse an der Antike eine Wiedergeburt. Doch schon seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert wurden Gefäße aus Edelsteinen, aus Bergkristall und anderen Quarzvarianten wie Achat, Chalcedon, Jaspis oder Serpentin verstärkt gefertigt und von den Fürsten gesammelt.
"Der Besitz an außergewöhnlichen Edelsteingefäßen galt als Ausweis extremen Reichtums und diente im Wettbewerb der Fürsten untereinander als Signum ihres hohen gesellschaftlichen Ranges. Die sächsischen Kurfürsten dieser Jahrhunderte besaßen als ästhetisch empfindsame Herrscher eines wohlhabenden Landes und als mächtige Politiker mit weitreichenden Verbindungen besonders glückliche Voraussetzungen und nahmen daher auch als Sammler solcher Kostbarkeiten einen herausragenden Rang ein. Edelsteinobjekte waren primär ein Gegenstand fürstlicher Repräsentation, selbst dann, wenn sie als Tafelgerät oder Trinkgeschirr genutzt werden konnten, heißt es dazu im Ausstellungs-Katalog.
Um die in der Ausstellung gezeigte einmalig schöne weibliche Amethystbüste, wie sie 1725 nach dem Entwurf des Hofbildhauers Paul Heermann gefertigt worden war, eine Alabasterdose oder ein Serpentingefäß arbeiten zu können, brauchte man natürlich eine sehr große Auswahl edler Steine. Denn nicht jeder Gesteinsbrocken ist so vollkommen und beispielsweise frei von Rissen, dass daraus ein größeres Stück entstehen kann.
Zwar waren einzelne Fundorte edler Steine sowohl im Raum Idar-Oberstein als auch in Sachsen schon damals seit langen Zeiten bekannt und wurden wohl des öfteren auch ohne Kenntnis des Landesherren von den Einheimischen abgebaut. In der Region Idar-Oberstein war es vor allem der Achat, der abgebaut wurde. In Sachsen konnte man auf einen besonderen Reichtum an Bodenschätzen zurückgreifen: Silber, Zinn, Kupfer, Blei, Wismut, Kobalt, Nickel und Eisen, dazu Gesteine wie Serpentinit, Marmor, Alabaster, Amethyst, Jaspis, Achat, Opal und Topas sowie Kaolin, besser bekannt als Porzellanerde oder "weißes" Gold.
August der Starke war ein besonders kunstsinniger Kurfürst und gleichzeitig der letzte große Sammler der Edelsteingefäße im Hochbarock. Als Kurfürst Friedrich August von Sachsen regierte er von 1694 - 1733, als August 11. - König von Polen - war er in den Jahren 1697-1704/06 und 1709-1733 der Landesherr.
Zur Belebung der Wirtschaft förderte er nach seinem Regierungsantritt die Erforschung der Bodenschätze und darunter vor allem die der Schmucksteinvorkommen. Im Jahr 1696 beauftragte er mit dieser Aufgabe den Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708), der bereits ein Jahr später seinem kurfürstlichen Landesherrn Proben von Korallenachat vorlegen konnte. Später kamen noch andere Edelsteinfunde hinzu. Selbst diese Proben waren damals so kostbar, dass sie in einem speziellen, der Mineraliensammlung vorbehaltenen Raum im Dresdner Schloss gesammelt wurden. Daraus ging später das heutige Museum für Geologie und Mineralogie in Dresden hervor, aus dessen Fundus auch Ausstellungsstücke in Idar-Oberstein gezeigt werden.
Der Gelehrte von Tschirnhaus betrieb schon 1697 oder 1698 eine von ihm konstruierte Schleif- und Poliermühe, um den von ihm gefundenen Korallenachat verarbeiten zu können. Aus militärischen Gründen musste diese "Manufactur des rothen Kieses" 1706 wieder abgerissen werden. Die Hauptbeschäftigung des gelehrten bestand jedoch in dieser Zeit in einer ganz anderen Beschäftigung - Er forscht und experimentierte unermüdlich an der Erfindung des weißen Porzellans, so wie es die Chinesen schon perfekt beherrschten.
Im Verlauf dieser Forschungen erfand er große Brennspiegel und Brennöfen, mit denen man weitaus höhere Temperaturen als damals möglich erzielen konnte. Davon profitierte beispielsweise die Glasindustrie seiner Zeit. Von Tschirnhaus gilt inzwischen als der eigentliche Erfinder des Meißner Porzellans. Sein Gehilfe Johann Friedrich Böttger hat das Verfahren verfeinert und weiterentwickelt, sodass sich beide den Ruhm teilen müssen, meinte Jutta Kappel, Konservatorin im Grünen Gewölbe, Dresden, während der Ausstellungs-Eröffnung. Übrigens: Christof von Tschirnhaus ist in der 9. Generation Nachfahre des Ehrenfried Walter von Tschirnhaus und hat tagtäglich mit Edelsteinen zu tun! Wie sich der Kreis schließt.
Susanne Bosch
| |